Editorial

Männchen, Stiere, Sensationen

Editorial

Die Kunst, meine Damen und Herren, so hat Theodor Adorno einmal gesagt,
die Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.
Das sitzt, nicht wahr?
Es hört sich zunächst tatsächlich schwierig, ein wenig verdreht an, aber ich
glaube, Adornos Wort definiert recht gut die Kunst, die Bernd Steinkamp ab
heute (02.06.2012, BS) in der Galerie LETSAH ausstellt.
Zunächst die Magie.
Ich denke, wer wachen Sinnes und offenen Herzens durch diese Ausstellung
geht, kann sich kaum einem unbestimmbaren Zauber entziehen, den Bernd
Steinkamps Werke ausstrahlen. Das beginnt für mich mit dieser einzigartigen
Strahlkraft, der Farbigkeit und dem Witz, die mir auf den ersten Blick
entgegentreten. Dieser erste Blick glaubt vielleicht noch an merkwürdige,
ikonographische Aufzählungen, wie wir sie aus illustrierten Moritaten kennen
oder medizinischen oder sonstigen fachlichen Schautafeln. Dann, weil die
Tiere sichtbar eine besondere Rolle spielen, mag man ein skurilles Bestiarium
erwarten, die sehr eigene Darstellung einer Zoologie, die aus einer anderen
Welt stammen mag – und dennoch vertraut erscheint. Ein Geheimnis dieser
Faszination scheint mir zu sein, daß nichts in diesen Gemälden
maßstabsgetreu ist – wohl jedes Objekt für sich, aber kaum eines zum anderen,
erst recht nicht gattungsübergreifend.
Da scheint etwas im Ungleichgewicht zwischen Tier und Mensch.
Sodann die Lüge.
»Männchen, Stiere, Sensationen«. Der Titel der Ausstellung spielt auf unsere
Vorstellung vom Zirkus an – Menschen, Tiere, Sensationen, so der Titel eines
Zirkusfilms aus den Dreißiger Jahren mit dem legendären Harry Piel in der
Hauptrolle. Kino, Theater, Zirkus, das gehört allesamt zur Kunst, das strahlt
Magie aus und ist doch alles nur Lüge. Und die gibt sich – natürlich – den
Anschein von Wahrheit.
Es sind reichlich Zitate zu finden in Bernd Steinkamps Bildern: geistliche
Würdenträger, die man wiedererkennen kann, erotische Ikonen, sinnbildliche
Toreros und Matadoren, Picassos mehr oder weniger abstrakte Stiere und
natürlich reichlich zusammengelogene Exemplare aus dem Katalog der
Schöpfung.
Alles ist echt und nichts ist wahr. Damit kämen wir zum dritten zentralen
Begriff in Adornos Bestimmung der Kunst.
Zur Wahrheit.
Die Kunst ist frei. Und hier im Sinne einer Freiheit davon, Wahrheit sein zu
müssen: im engeren Sinne, im wirklichen Sinne, im alltagstauglichen. Die
Darstellung eines Hundes ist zunächst nicht mehr und nicht weniger als die
Darstellung eines Hundes: Abbildung einer Wirklichkeit – oder vielleicht eher
Erinnerung an die Wirklichkeit, denn der Kopf des Betrachters sortiert
zunächst alles, was in ihn will, nach den Baumustern der Realität, die ihm
vertraut und wahr erscheinen. Dieser Realität muß die Kunst, nach Adorno,
sich nicht verpflichten. Sie darf es nicht einmal.
Aber ein Hund, der orange-grün kariert daherkommt, außerdem irgendwie
aufklappbar und also innen hohl wie ein trojanisches Tier zu sein scheint, den
gibt es zwar nicht, der gewinnt seine Wahrheit indes aus den Beziehungen, in
denen er steckt.
So findet sich eine eigene Wahrheit in Bernd Steinkamps Bildern: Sie entsteht
aus diesen Beziehungen der Objekte zueinander, aus dem Kontext: Ein realer
Torero umspielt einen Stier aus Pablo Picassos Hand, das ist vielleicht nur eine
Art Accessoire, vielleicht aber auch der Ausgangspunkt für mehr. Der
Schmerzensmann macht eine Zigarettenpause, spielt mit Schattenbildern und
wird von einem martialischen Volkspolizisten bewacht. Oder nicht bewacht?
Womöglich nur begleitet, bewundert, belächelt? Und unser hohler Hund in
seinem orange-grünen Fell – der Titel des Bildes, »Kotau«, weist darauf hin –
nimmt huldvoll oder gelangweilt die Unterwerfung eines klerikalen Sumo-
Ringers entgegen, derweil ihm Feuer unter dem Schwanz gemacht wird.
Also nichts als skurrile, zusammengelogen und zusammengebastelte
Phantasiewelten, fein ausgedacht und aufgemalt, aber eben vollkommen
wahrheitsfrei?
Keineswegs.
Unsere geliebte Wahrheit ist eine unzuverlässige Schwester, so verwirrend,
daß man glauben mag, es gäbe sie überhaupt nicht. Aber es gibt sie doch. Nur
gibt es sie nicht so unzweideutig und singulär wie wir sie uns wünschen.
Nicht so eisern und evident wie der Anspruch auf Unfehlbarkeit, der jenem
Herrn innewohnt, der froh und munter auf einem kleinen Elefanten
dahergeritten kommt.
Männchen, Stiere, Sensationen.
Eine Sensation, meine Damen und Herren, ist einerseits so etwas wie ein
Aufsehen erregendes und unerwartetes Ereignis, eine verblüffende Darbietung
oder dergleichen. Sensation bedeutet aber auch Empfindung. Ich glaube,
darum geht es in Bernd Steinkamps Werken: jenseits all der spektakulären
Darstellungen und Zusammenhänge Empfindungen im Betrachter auszulösen:
vielleicht Erstaunen, Vergnügen, Erkenntnis.
Bernd Steinkamp leitet in Hannover eine große Schule. So eine Institution ist
ex definitione eine spezielle Form von Irrenhaus, Affentheater oder eben
Zirkus. Da sind ständig Personen und Verhältnisse, Ideen und
Begehrlichkeiten miteinander eingesperrt, und es geht täglich darum, Kontexte
zu schaffen, zu verstehen und auszubalancieren wie die Stühle und das
dazugehörige Personal in dem Bild »Frankfurter Küche«.
Was zunächst ausschaut wie eine kunstfertige Sammlung von Wimmelbildern,
kommt mir vor wie lauter Erzähl-Bausätze, Baukästen für Geschichten, die
allesamt ungeschrieben, unerzählt sind, weil jeder Betrachter sie sich selbst
zusammenschauen, zusammenreimen muss. Diese wunderbar kreative
Aufgabe hat Bernd Steinkamp seinem Publikum nicht abnehmen wollen:
gottlob nicht.
So wünsche ich Ihnen, meine Damen und Herren, viel Entdeckerlust, Freude
und Nachdenklichkeit, wenn Sie sich heute darauf einlassen, in Ihrem Kopf
etwas entstehen zu lassen, was einzigartig sein wird, nur Ihnen gehört, frei von
dem Anspruch, irgendeiner herrschenden Wahrheit genügen zu müssen.
Viel Spaß dabei!
Alfred Cordes
Schriftsteller